Die Vorgeschichte ist sattsam bekannt: Da war eine Einrichtung, die sich
„Deutsches Blindenbildungswerk“ (DBBW) nannte. Ihr wichtigster
Träger war der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV).
In den letzten sieben Jahren ihres Bestehens hatte sie ein Büro in
Weil am Rhein und wurde von mir, Norbert Müller, geleitet.
Als dem DBSV beinahe das Geld ausging, machte er das Blindenbildungswerk
dicht. Unsere Kunden und Freunde wurden sauer, und ich wurde arbeitslos.
Für uns war es klar: Ein Angebot, wie es das DBBW darstellte, ist auch
weiterhin von Nöten. So kam die Idee, eine Bildungseinrichtung für
Blinde und Sehbehinderte in Eigenregie weiter zu führen.
Zunächst mussten die materiellen Voraussetzungen geschaffen werden.
Der DBSV überließ mir die Einrichtung des DBBW. Der Vermieter
unserer Büroräume, Herr Meier, suchte mit mir die Bürgermeister
von Weil und seinen Nachbargemeinden sowie den Landrat des Kreises Lörrach
auf, um sie um finanzielle Unterstützung zu bitten. So gelang es, die
Miete für die Büroräume für ein halbes Jahr zu sichern.
Die neue Einrichtung sollte von einem Selbsthilfeverein getragen werden,
der aber erst einmal gegründet werden musste. Der damalige Geschäftsführer
des DBSV, Hans Dieter Später, erarbeitete für uns einen Satzungsentwurf,
der dann in der DBBW-Mailingliste diskutiert wurde. Auch Bundesrichter a.D.
Hans-Eugen Schulze gab uns wertvolle Hinweise, und so entstand der Entwurf,
der dann von den Gründungsmitgliedern diskutiert und verabschiedet
werden konnte.
Am 25. Oktober 2003 Trafen sich 15 Personen aus Deutschland und der Schweiz
in Weil am Rhein, um den neuen Verein aus der Taufe zu heben. Als Name wurde
„Bildung Ohne Barrieren – Bildungsinstitut für Blinde und
Sehbehinderte“ (BOB) festgelegt und ich wurde zum Vorsitzenden gewählt.
Das Finanzamt Lörrach erkannte den Verein als gemeinnützig an
und die Arbeit konnte beginnen.
Es war klar, dass wir nur über öffentliche Zuschüsse einen
hauptamtlichen Mitarbeiter einstellen könnten. Dies sollte über
die Förderung für Schwerbehinderte Arbeitnehmer geschehen. Genau
die erhielten wir aber nicht, weil ich selbst Vorsitzender des Vereins war.
Auch mein Rücktritt von diesem Amt konnte an dieser Tatsache nichts
mehr ändern. So musste ich die Arbeit für den Verein ehrenamtlich
weiter führen, bis wir einen Arbeitgeber gefunden hatten, der bereit
war, mich ein- und zumindest teilweise BOB zur Verfügung zu stellen.
Das erste Seminar fand schon drei Monate nach der Vereinsgründung statt:
Es war die Fortbildungsveranstaltung für blinde und sehbehinderte Schwerbehindertenvertrauensleute.
Danach durfte ich eine Mitarbeiterin des DBSV im Umgang mit einer Software
schulen, mit der man Texte in Blindenkurzschrift übertragen kann.
Es folgten dann unter anderem Seminare über das Erkennen von Vogelstimmen,
Reparaturen im Haushalt und mehr. Im Oktober 2004 erschien die erste Ausgabe
der Zeitschrift „Vollzeichen“, die in eng- und weitzeiligem
Druck und inzwischen auch in Blindenkurzschrift erhältlich ist.
BOB war von vorn herein als internationale Organisation geplant. Ein Jahr
nach seiner Gründung gab es auch in Österreich genügend Interessenten,
um dort einen eigenen Landesverband aus der Taufe zu heben. Dies erfolgte
am 30. Oktober 2004 im Hotel Silverio. Zur Vorsitzenden wurde Claudia Rauch
aus Wien gewählt.
Der damalige Direktor des Hotel Silverio, Heinz Jaremkof, unterstützte
unseren Verein aber noch auf andere Weise: Er stellte mich ein, um für
ihn und für BOB Seminare zu organisieren. Somit konnte ich ab Sommer
2005 – wenn auch nur halbtags und mit sehr geringem Gehalt –
hauptamtlich für BOB tätig werden. Als Arbeitsplatz-Assistentin
wurde Tosca Probst eingestellt.
Schon vor Aufnahme dieser Arbeit hatte ich mich bei der Sehbehindertenhilfe
Basel auf eine freie Stelle beworben; ich erhielt sie nicht, weil es sich
um eine Tätigkeit vorwiegend im Außendienst handelte, die man
einem blinden Mitarbeiter nicht zutrauen wollte. Als aber im Hause ein Arbeitsplatz
frei wurde, bot man mir diesen an. Ich sagte zu, weil diese Stelle, auch
wenn es nur eine 60-prozentige ist, mir eine sicherere Zukunftsperspektive
bot als die Stelle für BOB bzw. das Hotel Silverio.
Auf der Hauptversammlung von BOB, die 2 Tage vor dem Beginn meiner Tätigkeit
für die Sehbehindertenhilfe stattfand, wurde dann beschlossen, den
Verein nun völlig ehrenamtlich weiter zu führen. Lediglich die
Bürohilfe wurde auf Stundenbasis eingestellt.
Und dieses Konzept hat sich bewährt. Der Verein gibt weiterhin das
„Vollzeichen“ heraus und führt regelmäßig Seminare
aus unterschiedlichen Themenbereichen durch. Als Erweiterung des Angebots
sind noch Erlebniswochenenden hinzugekommen, die in verschiedenen Regionen
Deutschlands durchgeführt werden.
Der Verein hat derzeit 77 Mitglieder, Tendenz steigend. Vorsitzender ist
Werner Sänger aus Rheinau bei Kehl. Zusammen mit den anderen Vorstandskollegen
sorgt er dafür, dass der Verein sowohl finanziell als auch im Bezug
auf das inhaltliche Angebot auf stabilen Füßen steht.
Unsere Vision nach der Schließung des Blindenbildungswerkes war, ein
Angebot zu schaffen, das dieser Einrichtung entspricht bzw noch darüber
hinausgeht. Auch wenn wir im Bezug auf die Anzahl der Fortbildungsangebote
noch nicht mit dieser – immerhin hauptamtlich betriebenen Einrichtung
mithalten können, dürfen wir feststellen: Unsere Vision hat sich
erfüllt. Und alles wird in echter Selbsthilfe verwirklicht. Darauf
sind wir Stolz!
Norbert Müller
13. September 2008